Selbstverständnis
Wofür wir kämpfen
Unser Bündnis ist ein Zusammenschluss von Mieter*innen, die gemeinsam für die Verteidigung und Verbesserung ihrer Lebensbedingungen streiten. Wir finden uns freiwillig, selbstbestimmt und kollektiv zusammen. Wir sind partei- und staatsunabhängig. Gemeinsam haben wir uns Ende 2018 zusammengefunden, um gegen Kündigungen und Zwangsräumungen aktiv zu werden. Mit der Zeit haben wir darüber hinaus angefangen, Mieter*innen derselben Vermieter* zu helfen sich gemeinsam zu organisieren, ein Ansatz dem wir 2025 den Namen „MietS“ (Mieter*innen-Solidarität) gegeben haben.
Staat und Recht
Rechte werden nie einfach von oben gegeben, sondern von unten erkämpft: Zum Beispiel der 8-Stunden-Tag von Gewerkschaften und der Kündigungsschutz für Mieter*innen durch breite Proteste in den 70er Jahren. Auch jede zukünftige Verbesserung wie die Enteignung von Wohnkonzernen oder die Stärkung von Mieter*innenrechten kann nur erkämpft werden, von Vielen. In der staatlich verwalteten Gesellschaft schlagen sich erfolgreiche Verbesserungen in Rechten nieder. Diese sind Reaktion auf gesellschaftliche Kämpfe, befrieden diese dadurch aber auch. Durch Gewalt und Reform werden die Kämpfe dort gestoppt, wo sie Staat und Kapital grundsätzlich bedrohen.
Das Rechtsverhältnis bietet dem Menschen nur eine abstrakte und vereinzelte Freiheit: Theoretisch besitzt ein Vermieter von hunderten Wohnungen die gleichen Rechte wie ein Wohnungsloser. Jenseits dieser abstrakten Freiheit hat der Eine die Freiheit, nach Bali zu fliegen während der andere in der Unfreiheit ständiger Angst vor Kälte, Gewalt und Ausgrenzung lebt. Das ist die Vereinzelung der kapitalistischen Gesellschaft, die die Menschen in Konkurrenz zueinander setzt und den Einen viel mehr gibt als sie brauchen während andere nicht einmal das Nötigste haben. Da aber die Probleme gesellschaftlich bedingt sind, muss auch die Gegenwehr kollektiv sein.
Gegenmacht von unten
Das Ziel ist nicht, dass wohlmeinende, vermeintlich „bessere“ Politiker*innen an die Macht gehoben werden, die sich ausdenken, was „die Bevölkerung“ braucht; für diese Art von Politik stehen Sozialdemokratie wie kommunistische Parteien.
Wir setzen stattdessen auf kollektive Gegenmacht von unten. Die Einzelne* erfährt durch das Kollektiv gegenseitige Hilfe und Solidarität und übt andererseits Mitbestimmung ein. Des weiteren werden so die Probleme, die wir haben, gemeinsam analysiert. Sie sollen als gesellschaftlich gemacht und damit auch als gesellschaftlich veränderbar begriffen werden. In unserer Gesellschaft lernt jede*r, sie wäre für ihr Glück oder Unglück selbst verantwortlich. Wer also „scheitert“, die Wohnung oder den Job verliert, schämt sich deshalb oft. Diese Scham wollen wir den Menschen nehmen und aus der individuellen Ohnmacht herauskommen. Wir machen deutlich: Der (Wohnungs)markt ist das Problem. Dies zu benennen ist Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft; Marktgesetze unter denen wir leiden sind keine Naturgesetze.
Diese Art, neue, andere Beziehungen bereits in unseren Kämpfen Wirklichkeit werden zu lassen, steht in einer antiautoritären linken Tradition.
In Aktion treten
Je mehr wir werden, desto mehr können wir Macht aufbauen, indem wir gemeinsam in Aktion treten. Die Betroffenen eines Problems haben stets das letzte Wort, wie eine Aktion gestaltet wird. Wir nutzen in diesen Kämpfen wenn nötig auch die Mittel, die uns diese Gesellschaft zur Verfügung stellt, wie juristische Mittel und Pressearbeit. Solche Mittel dürfen aber nicht verschleiern, dass grundsätzliche Veränderungen immer erkämpft und gegen die etablierten Regeln dieser Gesellschaft durchgesetzt werden. In dem Maße, in dem wir mehr kollektive Macht aufbauen, können auch unsere Aktionen größer und direkter werden.
Ein Beispiel: Eine Art bedingter Mietstreik wäre insofern möglich, als dass alle Mieter*innen gemeinsam Miete einbehalten können für Mängel, die sie alle betreffen, insoweit ihnen das Gesetz das erlaubt. So wäre eine kollektive und schlagkräftige Aktion gegen diese Mängel in einem legalen Rahmen möglich. Wenn aber genug Mieter*innen beschließen, gemeinsam selbstbestimmt ihre Mietzahlungen zu verweigern und sich gegenseitig gegen Räumungen zu schützen, wäre auch ein umfassender Mietstreik denkbar. Damit hätten wir Mieter*innen die Macht über unseren Wohnraum erlangt.
Bei der Aktion lernen wir, kollektiv zu handeln und zu gestalten als Mittel für mehr Freiheit und Selbstbestimmung für jede*n Einzelne*n von uns. Je mehr Menschen in eine Aktion eintreten, desto nachhaltiger kann diese etwas verändern.
Enteignung!
Eigentum ist private Aneignung von gesellschaftlichen Ressourcen; bevor Zäune gezogen und Eigentumstitel vergeben wurden, gehörte der Boden niemandem. Aber auch die gesamte hergestellte Umwelt baut immer auf tausendfacher gesellschaftlicher Arbeit anderer Menschen auf. Eine Stadt entwickelt sich über Jahrhunderte, unzählige Menschen haben an ihrer Infrastruktur gebaut, unzählige Ziegel gebrannt, Beton produziert, ihre Einwohner*innen großgezogen. Gesellschaftliche Arbeit schafft unsere Umwelt. Über Herstellung und Verteilung sollten deshalb auch alle mitbestimmen können.
Wie viel Wohnraum wird benötigt? Und wie sichern wir einen guten Zugang für alle zu Bildung, Versorgung und Kultur? Das sind Fragen, die nicht beantwortet werden können, wenn der städtische Raum wesentlich durch das Profitinteresse weniger gestaltet wird. Dieses Profitinteresse privilegiert die zahlungskräftigsten Mieter*innen mit der besten Lage. Es führt außerdem dazu, dass wir einen Großteil unseres Lohns für die Miete abdrücken müssen; Mieterhöhungen sind gesellschaftlich gesehen immer höhere Lohnverluste. Deshalb müssen die Eigentümer*innen von Wohnraum enteignet werden. Dies ist nicht die einzige, aber die grundlegende Bedingung, um gutes Wohnen für alle zu ermöglichen.
Wohnen für alle: Vergesellschaftung
Wohnen sollte genauso selbstverständlich verfügbar sein wie der Zugang zu Trinkwasser. Und seine Gestaltung durch die Wohnenden so selbstverständlich wie Eiswürfel, Zitrone oder Sprudel. Stattdessen empfinden wir Mieter*innen es oft als völlig normal, dass nicht die Wohnung zu uns, sondern zu unserem Geldbeutel passen muss, dass der Wohnraum ständig knapp zu sein scheint und dass wir nur zahlende Gäste im Haus eines anderen sind. Aber das muss nicht so sein. Unsere Lösung heißt: Vergesellschaftung.
Vergesellschaftung meint, dass der Wohnraum der Gesellschaft gehört, während die, die ihn nutzen, ihn gestalten können. Er sollte kollektiv verwaltet werden. Gleichzeitig sollen die Wohnenden möglichst viel Freiheit haben, ihn zu gestalten. Modelle dafür gibt es im Ansatz bereits, wie Genossenschaften oder das Mietshäusersyndikat. Die Häuser in diesen Modellen gehören keinem Konzern und keinem Vermieter, aber die Wohnungen sind auch nicht das Eigentum einzelner Mieter*innen.
Alles für alle!
Uns ist bewusst, dass nicht alle gleichermaßen unter dieser Gesellschaft leiden. Rassismus drückt sich z. B. darin aus, dass Menschen mit bestimmten Namen seltener eine Wohnung bekommen. Hohe Mieten führen dazu, dass es noch schwerer ist, einen gewalttätigen Partner zu verlassen.
Gleichzeitig kann der überwältigende Teil der Menschen bei dem Kampf um das Wohnen viel gewinnen. Er ist eine Möglichkeit der praktischen Solidarität untereinander, in dem solche unterschiedlichen Betroffenheiten und auch das gemeinsame Interesse erkannt werden können. Wir betrachten unseren Kampf deshalb auch als Beitrag, menschenfeindliche Erzählungen, die sich etwa gegen Frauen, Queers und Migrant*innen richten, zu überwinden und dem Rechtsruck durch eine kollektive Solidarität zu begegnen.
Alle Menschen verbindet das Bedürfnis, satt, sicher und in Selbstbestimmung zu leben. Das wäre für alle möglich. Stattdessen kann heute, wer sich keine Wohnung leisten kann, nicht sicher leben, wer sich kein Brot leisten kann, nicht essen. Der Boden, seine Nutzung, was wir auf ihm bauen und herstellen sollte uns allen gehören; ob Haus oder Getreide, überhaupt alle Reichtümer dieser Gesellschaft. Die Rückeroberung der durch Wenige angeeignete Ressourcen ist ein ständiger Kampf, der Kampf um das Wohnen nur ein Teil davon. Diesen Kampf immer mehr zu erweitern ist unser Anliegen.
Zwischenstand
Bündnis gegen Zwangsräumungen – ein Zwischenstand
Den Schritt zu Organisierung wagen
Von Event zum Kampf
Seit 2018 haben wir uns als Bremer Bündnis Zwangsräumungen verhindern zusammengetan, um uns der alltäglichen Gewalt des Staates in Form der Zwangsräumung von Wohnraum als einer Erscheinungsform des kapitalistischen Alltags entgegenzustellen. Aufmerksamkeit erhielten wir – nicht zuletzt dank der Unterstützung zahlreicher solidarischer Menschen in der Stadt und darüber hinaus – v.a. durch gescheiterte oder mehr oder weniger erfolgreiche Interventionen gegen Entmietung und Zwangsräumungen. Doch da eine politische Praxis nicht zur Tradition verkommen soll, ist es für uns höchste Zeit unseren eigenen Ausgangspunkt einer kritischen Überprüfung zu stellen. Wir schreiben diesen Text, so viel sei vorweggenommen, um euch, d.h. unser mietendes Umfeld, zu einem gemeinsamen und langfristigen Diskussionsprozess einzuladen, an dessen Ende für uns nur eine verbindliche Organisierung von Mieter*innen stehen kann.
Ausgangspunkt unserer Praxis war und ist die Unterstützung konkreter Menschen in realen Situationen. Damit haben wir im Gründungsmoment einer Politik, die ausschließlich um Dominanz auf einer medialen Deutungs- und Diskursebene ringt, eine Absage erteilt. Ohne zu bezweifeln, dass politische Kampagnen und breite Bündnisse stellenweise unerlässlich sind, um z.B. einem andauernden Rechtsruck entgegenzuwirken, bestimmte Positionen auf politischer Ebene zu stärken oder einen notwendigen Abwehrkampf gegen sozialen Abbau, sich verstärkenden Militarisierung oder die ungebremste Zerstörung der ökologischen, planetaren Lebensgrundlage zu führen, sind wir bei diesem Ansatz (mit wenigen Ausnahmen) erstmal geblieben. Diesen Ansatz verfolgen wir nicht nur, weil es im Moment keine gesellschaftliche Kraft gibt, die an diesen Umständen etwas ändern könnte. Die konkrete Unterstützung von Menschen in realen Lebenssituationen – d.h. der Aufbau einer konkreten Solidarität – ist unser politisches Programm.
Da das kapitalistische Ganze nicht in erster Linie durch die sichtbaren Institutionen der Herrschaft, den Parlamenten und Büropalästen des Kapitals, sondern durch die alltägliche Interaktion der Menschen dieser Gesellschaft hergestellt wird, liegt es für uns nahe, dass die Grundstrukturen dieser Gesellschaft auch durch alltägliche Kämpfe infrage gestellt und überwunden werden müssen. So wie hinter jeder nicht bezahlten Rechnung die bürgerliche Rechtsordnung, die Justiz und schlussendlich der staatliche Gewaltapparat steht, muss durch die praktische solidarische Intervention eben jener Gesamtzusammenhang als Gewaltapparat demaskiert und infrage gestellt werden.
Diese Erfahrung haben wir in den letzten Jahren nicht alleine gemacht. Neben uns haben sich zahlreiche kollektive Zusammenhänge auf den Weg gemacht, die soziale Frage zum Gegenstand ihrer Arbeit zu machen und andere Formen der Organisierung auszuprobieren. Wir sind daher der Auffassung, dass die Linke heute fähiger ist, erfolgreich Klassenkämpfe zu führen, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Zu nennen wäre neben unserem Ansatz sicherlich die Stadtteilgewerkschaft in Gröpelingen, aber auch das Bündnis gegen Preiserhöhungen und die Solidarische Aktion, um nur einige Bremer Beispiele zu nennen.
Was klappt?
In unserer Praxis schauen wir auf zahlreiche Erfahrungen zurück, in denen es uns gelungen ist, die bestehende Eigentums- und Rechtslogik, der sich Mieter*innen ausgesetzt sehen, zu durchbrechen. Stellenweise konnten wir den durchgesetzten Konsens ins Wanken bringen, dass es nunmal Recht ist, wenn Vermieter Menschen aus den „eigenen“ vier Wänden schmeissen wegen nicht gezahlter Mieten, Behördenversagen des Jobcenters oder rassistischer Diskriminierung. Stattdessen ist es uns stellenweise gelungen, die Frage aufzuwerfen, welche Verteilung der Ressource Wohnraum bedarfsgerecht und gesellschaftlich wünschenswert ist – und zwar zuerst im Gespräch mit Nachbar*innen, Betroffenen, Unterstützer*innen etc., erst danach auch mal im medialen Diskurs.
Dabei nehmen wir zu Kenntnis, dass das Thema Zwangsräumungen und Entmietung zwischenzeitlich wesentlich prominenter auf der medialen und politischen Agenda steht, als wir uns dies zu Beginn erhofft hätten. Während es zu Beginn unserer Arbeit Expert*innen vorbehalten war, überhaupt das tatsächliche Tageswerk der Gerichtsvollzieher*innen zu kennen, ist es mittlerweile auch im öffentlichen Bewusstsein der Stadt angekommen, dass die staatliche Gewalt alltäglich Menschen gewaltsam aus ihren Wohnungen reißt und dass dies auch nach einem bürgerlichen Maßstab ein Problem ist. Auch wenn dieser Erfolg sicherlich nicht allein unserer Arbeit zuzuschreiben ist, so wissen wir, dass unsere Praxis auch über unser Milieu und auch über linksliberale Kreise als Botschaft an die Eigentumslosen dieser Stadt verstanden wird.
Unsere Praxis hat damit gezeigt, dass wir als Mieter*innen auf der Ebene konkreter Kämpfe in der Lage sind, nicht nur diskursiv Themen zu setzen, sondern auch real Machtverhältnisse zu verschieben, wenn wir uns solidarisch und gemeinsam für konkrete Anliegen einsetzen. Dass von nahezu allen Betroffenen von Zwangsräumungen, Kündigungen oder sonstigen Entmietungsversuchen die Bereitschaft und das Bedürfnis kommuniziert wurde, über die konkrete Betroffenheit hinaus solidarische Beziehungen fortzusetzen und selbst an den Kämpfen anderer Mieter*innen teilzunehmen, zeigt uns, dass das Führen von konkreten Kämpfen auch geeignet ist, dauerhaft andere Formen des gesellschaftlichen Miteinanders entstehen zu lassen.
Natürlich ist unsere Praxis keine Kette an bahnbrechenden Erfolgen, sondern von mühseliger und kleinteiliger Arbeit, d.h. konkret vom Beziehungsaufbau, technischer Recherche und rechtlicher Unterstützung geprägt. Als politisch bewusste Mieter*innen sehen wir es eben gerade als unsere Aufgabe, den ganz und gar nicht spektakulären Alltag zu politisieren. Dabei sind die Chancen auf einen positiven Ausgang des Kampfes eben dann am größten, bevor der politische Gegner sich auf unerwarteten Widerstand vorbereiten konnte, und bevor der Staat sich als schützender Hand vor das privatwirtschaftliche Eigentum stellen konnte.
Um Mieter*innen in ihren Kämpfen zu unterstützen, waren wir immer wieder kreativ und haben neue Aktionsformen ausprobiert. Wir haben Blockaden organisiert, mit Kundgebungen die Nachbarschaft der Vermieter informiert, Mieter:innen zu Gericht begleitet, bei der Zentralen Fachstelle Wohnen Lösungen erzwungen, Druck durch Shaming-Aktionen aufgebaut, Briefe mit Forderungen überreicht und vieles Mehr. Mit der Zeit haben wir auch unsere Öffentlichkeitsarbeit verbessert und konnten unsere Themen öfter in die regionalen Medien bringen.
Auch konnten wir zu ganz unterschiedlichen Akteure wichtige Kontakte knüpfen. Gerade der Kontakt zu Beratungsstellen ist von großer Bedeutung für uns. Der Bremer Erwerbslosenverband (BEV) und Mieter helfen Mietern (MHM) leiten Mieter:innen an uns weiter, die mit uns zusammen kämpfen möchten. Auf der anderen Seite nutzen und verweisen wir an die rechtliche Beratung, wo ein rechtliche Vorgehen möglich erscheint. Rechtliches und politisches Vorgehen schließt sich für uns nicht aus, sondern muss ineinander greifen.
Durch den Kontakt zu vielen Mieter:innen haben wir viel Wissen über den Bremer Wohnungsmarkt und seine Akteure gesammelt. So haben wir uns mit Gewoba und Genossenschaften genauso angelegt wie mit großen privaten Wohnungskonzernen, bürgerlichen und kleinkriminellen Vermieter:innen. Auch das Wissen über die Realitäten im Mietrecht und die Prozesse einer Zwangsräumung sind mit der Zeit gewachsen. Zudem haben wir angefangen, uns eher auf Kündigungen zu fokussieren, da dabei noch viel Spielraum ist, den Verlust der Wohnung abzuwenden. Bei der GEWOBA gelingt es immer wieder, Zwangsräumungen in letzter Minute noch abzuwenden. Zusätzlich zu den Kämpfen gegen Kündigungen und Zwangsräumungen schauen wir mittlerweile auf mehrere Organisierungsversuche von Mieter*innen einzelner Vermieter, wie die Mieter*innen der Fischbachhäuser zurück. Auch hier zeigt sich, dass die Hausgemeinschaften ohnehin ihre Kämpfe führen und in ihrer Vereinzelung Unterstützung mehr als nötig haben. Es kommt auf uns an, ob wir kommentarlos an diesen Kämpfen in unserer Nachbarschaft vorbei wohnen oder uns in organisierter Form solidarisieren.
Wo hängt‘s?
Die Erfahrungen unseres Bündnisses machen eine grundlegende Weiterentwicklung nötig, aber auch möglich. Wir wollen weiter Kritik im Handgemenge üben, statt zu einer Politik ohne Subjekt zurückzukehren. Dabei sehen wir die konkrete Möglichkeit in Bremen eine reale und lebendige Mieter*innenbewegung mitzugestalten, die in der Lage ist unterschiedliche Lebensrealitäten und Erfahrungen miteinander in Verbindung zu bringen. Unsere Praxis enthält zwar theoretisch ein Mitmachangebot an viele, tatsächlich fehlt es jedoch an den passenden Formaten, sich als Mieter*in mit den eigenen Problemen und Erfahrungen einzubringen. Ohne breitere Verankerung können wir eben kein Gegengewicht gegen die gut organisierten Interessen des Immobilienkapitals und der privaten Eigentümer*innen aufbauen. Das bedeutet, dass wir jeder mietende Person die Möglichkeit geben müssen, aus ihrer konkreten subjektiven Betroffenheit durch eine kollektive Praxis Druck auf den/die Vermieter*in aufzubauen. Dies setzt natürlich voraus, dass wir Mieter*innen nicht allein als “Betroffene” unterstützen, sondern den notwendigen Weg von der eigenen Betroffenheit zur eigenen Beteiligung am Kampf anderer bewusst gestalten und organisieren müssen.
Wo soll es hingehen?
Wir sehen uns als Bündnis an einem Punkt, von dem aus es sich lohnt, einen Schritt weiter zu gehen. Wir wollen einen ersten Schritt wagen – nicht als Einzelpersonen oder als Bündnis, sondern als Organisierung der Mieter*innen. So wichtig wir den Kampf gegen Kündigungen und Zwangsräumungen finden, so wenig wollen wir ihn auf diese Anliegen beschränken. Stattdessen meinen wir, dass wir die Eigentumslogik immer dort am erfolgreichsten durchbrechen können, immer dort die Frage stellen können: „Wem gehört die Stadt?“, wo sich Nachbar*innen, Freund*innen und Hausgemeinschaften zusammentun und ihre Wohnsituation in die eigene Hand nehmen. Sei es bei Mängeln in der Wohnung, Problemen mit den Nebenkosten, zu teuren Mieten oder Diskriminierungen bei Wohnungssuche.
Dabei muss unser Ausgangspunkt sein, die Kämpfe in unserer d.h. in gemeinschaftlicher und kollektiver Form zu führen und Möglichkeiten zu finden, der Vereinzelung des Mietrechts entgegenzuwirken. Dabei wollen und müssen wir immer gleichzeitig nach dem Erfolg im Alltag und dem großen Ganzen greifen. Ebenso wie uns der kapitalistische Alltag jeden Tag isoliert, können wir eine Form schaffen, in der wir unsere realen Lebensbedingungen aneignen und gleichzeitig den kapitalistischen Wahnsinn, der uns tagtäglich die Luft zum Atmen nimmt, skandalisieren.
Glücklicherweise sind wir auch damit nicht allein. Ansätze zum Aufbau von Mietergewerkschaften gibt es z.B. in Berlin und Frankfurt. Nicht zuletzt die „Initiative Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ probiert neue Wege, relevante Teile des städtischen Raums gleich ganz zu enteignen. Auf großer Skala gelang es der „PAH“ (Plataforma de Afectados por la Hipoteca) von einer Protestbewegung gegen Zwangsräumungen zum stadtpolitischen Akteur zu werden. In den USA gibt es mittlerweile in zahlreichen Städten große Mieter*innenorganisationen wie die „LATU“ (Los Angeles Tenants Union). Nicht zuletzt ist der Kampf ums Wohnen auch in Metropolen des globalen Südens einer der zentralen Bezugspunkte sozialer Bewegungen, wie die „MTST“ (Movimento dos Trabalhadores Sem Teto) in Brasilien und die „Abahlali baseMjondolo“ (the residents of the shacks) in Südafrika zeigen. Aus all diesen Erfahrungen wollen wir lernen, um auch in Bremen in den Nutzungskonflikt zwischen der Stadt als Lebensraum und als Ort kapitalistischer Verwertungslogik zu unseren Gunsten einzugreifen.
Dafür brauchen wir dich – euch – uns. Bist du bereit, einen aktiven Kampf um die Wohnungsfrage zu führen? Eine vermeintlich “private” Angelegenheit ums Wohnen aktiv und politisch zu führen, ist eine realistische Option. Das kann sich lohnen, weil wir Viele sind, die sich in diesem Kampf gegenseitig unterstützen. Zugleich müssen wir von diesen Erfahrungen erzählen und dadurch ein Bewusstsein darüber schaffen, dass ein solcher Weg lohnenswert ist. Denn aus unserer Sicht war sehr häufig mehr möglich, als sich die Beteiligten vorstellen konnten.
Wir wollen euch daher dazu einladen, mit uns diesen Weg eines gemeinsamen Austauschs zu gehen. Kommt zu unseren Aktionen, nicht nur zur Unterstützung der anderen, sondern um selbst mit uns und den dort aktiven Mieter*innen ins Gespräch zu kommen. Nutzt unsere Informationskanäle und informiert euer Umfeld über Möglichkeiten, vorbeizukommen und aktiv zu werden. Wenn möglich, teilt unsere Aufrufe oder besser, bringt eure Nachbar*innen, Freund*innen und Hausgemeinschaften gleich mit. Sucht den Kontakt zu euren Nachbar*innen, Hausgemeinschaften oder sucht als Wohngemeinschaft Kontakt mit uns. Wenn du dabei Hilfe brauchst, einen Zusammenhang in deinem Wohnumfeld aufzubauen, melde dich bei uns oder komm auf unser Plenum. Immer da wo es möglich ist, ermutigen wir euch, auch den Konflikt mit dem Eigentum nicht zu scheuen. Wenn ihr dafür Unterstützung braucht, sind wir für euch da!